Näher an daheim,
näher an den Kehlerinnen
und Kehlern

Mutter Kinzig

Die Kehler SPD,

ihre Mitglieder, ihre Geschichten und ihre Geschichte ...

Die SPD in Kehl

Im Januar 1891 entsteht auch in Kehl ein Lokalverein der SPD.

Gegründet als eine Filiale des Offenburger Arbeitervereins „Vorwärts“, hatte die SPD in Kehl im Jahre 1897 dann immerhin schon 20 Mitglieder (lt. Generallandesarchiv in Karlsruhe).

• Widerstand gegen Nazis: SPD-Plakate in Kehl aufgetaucht

SPD Plakate in Kehl

Erbin Edith Waffenschmidt und Ute Scherb mit dem SPD-Plakat aus dem Jahr 1930.

»107 Nazis schützen das Großkapital.« – »Lasst euch nicht irreführen, arbeitende Volksgenossen.« Mit diesen Slogans versuchte die SPD 1930, die Kehler vor den Nazis zu warnen. Mehrere Hundert Flugblätter und fünf Plakate mit solchen Parolen sind nun in den Besitz des Hanauer Museums übergegangen – sie sind einige der raren Dokumente aus Zeit der Weimarer Republik in Kehl.

Die Plakate und Flugblätter zeugen vom Aufbäumen der etablierten sozialdemokratischen Kräfte gegen die wachsende Macht der Nazis in Kehl. Von 1919 an hatten die Parteien der Weimarer Koalition – die SPD, die katholische Zentrumspartei und die Deutsche Demokratische Partei (DDP) – den stärksten Einfluss in Kehl gehabt. 1930 kam der Umbruch: Bei der Gemeinderatswahl im Dezember gewann die NSDAP fünf von 13 Mandaten – vorher hatte sie keinen einzigen Sitz im Gremium. Fortan stellte sie die stärkste Fraktion.
Aufschwung deutschlandweit
Mit ihrer Wahlentscheidung folgten viele Kehler dem Trend der Reichstagswahl am 14. September 1930, bei der die NSDAP deutschlandweit einen Aufschwung erlebte: Sie konnte 18,3 Prozent der Stimmen holen – das entsprach einer Steigerung um 15 Prozentpunkte. Fortan stellte sie im Reichstag 107 Abgeordnete und war damit hinter der SPD die zweitstärkste Fraktion.
Auf diese Wahl und eine darauf folgende Sitzung des Reichstags im Dezember nehmen die Plakate und Flugblätter der badischen SPD, die aus dem Winter 1930 stammen, Bezug: Der Slogan »107 Nazis schützen das Großkapital« spielt darauf an, dass die Vertreter der NSDAP in der Reichstagssitzung gegen die Einführung einer Steuer für besonders Vermögende gestimmt hatten. Dies entlarve die Nationalsozialisten einmal mehr als Heuchler, betonte die SPD auf ihren Flugblättern und Plakaten.
Machtgewinn der Nazis
Doch allen Warnungen zum Trotz: Den weiteren Machtgewinn der Nazis konnten die Kehler SPDler nicht verhindern. Nach und nach unterwanderte die NSDAP die noch junge Demokratie und entledigte sich unliebsamer Führungskräfte. Im Frühjahr 1933 veranlasste sie im Gemeinderat ein Misstrauensvotum gegen den damaligen Bürgermeister Hans Luthmer; er kam in Schutzhaft, dann wurde er in den Ruhestand versetzt. Wie ihm erging es vielen weiteren Politikern und auch jüdischen Geschäftsleuten, Beamten und Angestellten. Sie wurden aus ihrem Beruf verdrängt, verfolgt und häufig verhaftet.
Johann Huck aus Willstätt
Auch der Sozialdemokrat Johann Huck geriet wegen seiner politischen Aktivitäten ins Visier der Nazis. 1894 geboren, verdiente er sich sein Brot als Landwirt und engagierte sich in der SPD. An der Flugblatt- und Plakataktion Ende 1930 war der Willstätter maßgeblich beteiligt. Alles, was nicht verteilt wurde, versteckte er sorgsam vor den Nazis – wohl ahnend, dass diese sämtliche Schriftstücke vernichten würden, welche eine andere Gesinnung als die ihre widerspiegelten oder ihre Machenschaften gar gezielt an den Pranger stellten. Auch Huck wollten die Parteifunktionäre aus dem Weg räumen; zweimal musste er in der Nazi-Zeit aus seiner Heimat fliehen. Der Sozialdemokrat hatte Glück und überlebte den Nationalsozialismus, 1975 starb er im Alter von 81 Jahren.
Das Erbe
Seinen Nachfahren hatte er zu seinen Lebzeiten nichts von den Plakaten und Flugblättern erzählt, die in einem Karton im Haus seiner Schwester lagerten. Seine Schwester Elisabetha Kirchhofer, geborene Huck, gab Acht, dass der Karton nicht entdeckt wurde, während ihr Bruder nicht da war. Ihr und Johann Hucks Enkelin Edith Waffenschmidt ist es zu verdanken, dass die historisch wertvollen Dokumente nicht in der Versenkung verschwunden sind. Edith Waffenschmidt fand besagten Karton vor zehn Jahren in dem Haus ihrer Großtante, das sie geerbt hatte. Was sie mit den Dokumenten anfangen sollte, wusste sie anfangs nicht so recht. Erst zehn Jahre nach dem Fund traf sie die Entscheidung, ihn dem Hanauer Museum zu übergeben – zur Freude von Leiterin Ute Scherb.
»Es ist heute so schwierig, gerade hier in Kehl die Zeit der Weimarer Republik zu fassen«, betont sie. Andere Zeugnisse aus der Zeit zwischen Ende des Ersten Weltkriegs und der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler sind etwa Standesamtsunterlagen, Fotos, Adressbücher und ein einziger Zeitungsband von 1921.
Die wenigen erhalten gebliebenen Unterlagen im Stadtarchiv und im Landesarchiv belegen vor allem die Schwierigkeiten, die sich aus der französischen Besatzung ergaben. 1919 besetzten die Truppen die Stadt und kontrollierten bis 1930 nicht nur den Hafen, sondern das gesamte Wirtschaftsleben ebenso wie die Kommunalpolitik und den Alltag der Menschen.
Die Besatzung
In der Besatzung Kehls sieht Ute Scherb eine Ursache für den großen Zuspruch, den die NSDAP in der Kehler Bevölkerung erfuhr. »Die Nationalsozialisten versprachen den Bürgern die Wiedererlangung eines Selbstbewusstseins, das sie unter der Besatzung verloren hatten«, sagt sie. Ein weiterer Grund für den Erfolg der NSDAP – in Kehl und in ganz Deutschland – sei die Weltwirtschaftskrise gewesen, die durch den New Yorker Börsencrash 1929 ausgelöst wurde. Viele Firmen machten Bankrott, die Arbeitslosigkeit stieg. Eine gefährliche Kombination, die den Nationalsozialisten in die Hände gespielt hat – denn sie versprachen Besserung, vor allem für den Mittelstand und die ärmere Bevölkerung.

Autor:
Redaktion von Baden Online, 06. Oktober 2017

https://www.bo.de/lokales/kehl/widerstand-gegen-die-nazis-spd-plakate-in-kehl-aufgetaucht

• Kehler Genossinnen und Genossen: heute Hans Staiger

Hans

Unser Genosse Hans Staiger, bekennender Linker in unserer Partei und regelmäßig in Auseinandersetzungen mit den vermuteten Seeheimern in der Kehler SPD.
Hans ist heute 81 Jahre alt, glücklich verheiratet, lebt in der Kehler Kernstadt und gehört keinesfalls zum alten Eisen. Neben seiner Mitarbeit in der Partei ist er auch aktiv im TC SW Kehl e.V. und hilft bei anderen sozialen Einrichtungen kräftig mit.
Als geborener Kehler erlebte er die schwierige Nachkriegszeit in einem Internat außerhalb der Stadt. Schon während seiner Ausbildung zum Lehrer spielte Hans organisiert Fußball und blieb diesem Sport als Spieler und Trainer bis in die siebziger Jahre treu. Später verlagerte sich sein sportliches Interesse zum Tennis und so ist es bis heute geblieben.
1980 trat Hans in die SPD ein. Wie bei vielen von uns trieb auch ihn die Sehnsucht nach einer gerechteren Gesellschaft in die Sozialdemokratie. Bei Hans kam noch die Erfahrung einer liberalen Schulzeit und ein großes allgemeines politisches Interesse dazu. In der Partei übernahm er für viele Jahre das Amt des Kassenwartes und engagierte sich aktiv in vielen Wahlkämpfen. Hier stritt er regelmäßig mit der politischen Konkurrenz und setzte sich dabei sehr streitig mit dem Gengenbacher Wolgang Schäuble auseinander. In unserem Ortsverein vertritt Hans stets wortreich und klug linke Positionen und sorgt mit regelmäßigen Leserbriefen und Schreiben an die Parteispitze für eine akzentuierte Stimme der Basis.
Aktuell engagiert sich Hans aktiv gegen die GroKo, kämpft für die Umverteilung des Reichtums in unserer Gesellschaft durch ein gerechteres Steuersystem und für deutlich höhere Löhne in den unteren und mittleren Einkommensklassen. Sein Antrieb war und ist bis heute der Kampf für mehr Gerechtigkeit im Land.
Für unseren Ortsverein wünscht sich Hans vor allem häufigere und regelmäßigere Treffen, eine engere Bindung der Fraktion an die Parteimitglieder und häufigere Infostände in der Stadt, auch und gerade außerhalb von Wahlkämpfen.

Kehl im Februar 2018

• Vortrag zur Geschichte der SPD in der Ortenau

Dr. Walter Carolis Rede zur Ausstellungseröffnung

"150 Jahre SPD"

am 10. Juli 2013 im Ritterhaus-Museum in Offenburg


Liebe Genossinnen und Genossen, verehrte Gäste,
„Soll ich klug, soll ich tugendhaft sein in meinem Leben? Soll ich den Mantel nach dem Winde hängen, den Großen schmeicheln, mir durch feine Intrigen Vorteile und Ansehen erschleichen, oder soll ich wie der trotzigste Republikaner an der Wahrheit und Tugend halten, alles andere nicht beachten und nur darauf ausgehen, dem Aristokratismus den Todesstoß zu versetzen? Aber nein, ich will, obwohl ich auch dazu Talent hätte, kein lächelnder feiger Hofschranze werden! Ich will den Völkern die Freiheit verkünden, und sollt’ ich im Versuche untergehen. Ich schwöre es bei dem Gott über den Sternen, und Fluch mir, wenn ich je meinem Schwur untreu werde.“
Fast wird man neidisch, als heutiger, vielfach von Dauerzweifeln geplagter Sozialdemokrat, wenn man dieses glühende Bekenntnis des jungen SPD-Gründers Ferdinand Lassalle in dessen Tagebuch liest. Gewiss, den zu bekämpfenden Aristokratismus gibt es hierzulande nicht mehr, aber könnte man diesen Begriff in Lasalles Aussage nicht ersetzen durch die Benennung bedrohlicher Entwicklungen, die im Rahmen der globalisierten Weltpolitik die SPD-Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität in Frage stellen? Ich stelle diesen Gedanken an den Anfang meiner Rede, weil ich meine, dass aus der Beschäftigung mit der SPD-Geschichte statt bloßer musealer Betrachtung historischer Vorgänge eine Rückbesinnung auf unsere überkommenen Werte und eine Neudefinition der politischen Ziele der Sozialdemokratie erwachsen sollte, Ziele, die heute eine europäische, ja weltweite Dimension annehmen müssen.
Die Lebensleistung des genialen Gründers Lasalle, der im Duell so tragisch enden musste, seine sozialökonomischen Anschauungen, sein Beitrag zur Entwicklung des Genossenschaftswesens, all dies verdiente, jetzt wo wir das 150-jährige Jubiläum der SPD feiern, stärker beleuchtet zu werden.
Als Ferdinand LASALLE am 23. Mai 1863 in Leipzig den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV) ins Leben rief, war dies die Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie. Die ADAV- Gründung hatte eine längere Vorgeschichte – so ist sie beispielsweise mit den Idealen des Vormärz und der 48er-Revolution verbunden. Die Anführer der 48er-Revolution, die Mannheimer Rechtsanwälte Gustav STRUVE und Friedrich HECKER haben sich ja selbst als „sociale Demokraten“ bezeichnet. Sie organisierten die Offenburger Volksversammlung vom 12. September 1847: Im Gasthaus „Salmen“ forderten 900 Frauen und Männer Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit, soziale Verbesserungen und die „Abschaffung aller Vorrechte“, Forderungen, die sich später in den SPD-Grundsatzprogrammen wiederfinden. Offenburg darf sich deswegen zu Recht rühmen, eine „Wiege der Demokratie“ gewesen zu sein. Es dürfte auch die einzige Stadt sein, in der sich ein nahtloser Übergang von der Badischen Revolution zur Sozialdemokratie vollzog.
Die SPD-Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wurzeln in dem Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution. In ihren Grundsatzprogrammen – Eisenach 1869, Gotha 1875, Erfurt 1891, Heidelberg 1925, Godesberg 1959, Berlin 1989, Hamburg 2007 – versucht die SPD stets ihre Grundhaltungen mit den politischen Herausforderungen der jeweiligen Zeit abzustimmen.
Bleiben wir noch kurz in der Gründungsphase: Im Sommer 1869 gründeten August BEBEL und Wilhelm LIEBKNECHT die Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei. „Lassalleaner“ und „Eisenacher“, also ADAV und SDAP, schlossen sich dann auf dem Gothaer Einigungsparteitag im Mai 1875 zur „Sozialistischen Arbeiterpartei“ (SAP) zusammen. Erst nach dem Erfurter Parteitag, also seit 1891, nennt sich die Partei SPD.
Zwei gedankliche Linien lassen sich in der frühen Bewegung erkennen: eine radikale Strömung, die den schnellen Übergang zur klassenlosen Gesellschaft anstrebte und eine reformorientierte, die für schrittweises Vorgehen stand. Der Kampf Bismarcks und der Nationalliberalen gegen die SPD drängt gleichwohl die Genossen beider Richtungen in den Untergrund, lässt sie im Geheimen agieren und begünstigt den Aufbau eines Netzwerks von Tarnorganisationen. Den weiteren Aufstieg der SPD kann das Sozialistengesetz nur verzögern, nicht aber aufhalten. Nach dem Einigungsparteitag von 1875 in Gotha hatten etwa 38.000 Genossen das SPD-Parteibuch, 1890 waren es schon 100.000, zu Beginn des Ersten Weltkriegs aber 1,1 Millionen. Bei den Reichstagswahlen wurden aus 500.000 Wählerstimmen im Jahr 1877 (9,1%) über 1,4 Millionen (19,7%) im Jahr 1890 und 4,25 Millionen im Jahr 1912, was einem Stimmenanteil von 34,8 Prozent entsprach.
Werfen wir den Blick auf erste sozialdemokratische Bestrebungen im Bereich der Ortenau: Zumindest in zwei Städten der Ortenau hat es vor dem Erlass des Sozialistengesetzes sozialdemokratische Lokalvereine gegeben: In Offenburg und in Lahr. Dies belegt ein Polizeibericht an das Badische Innenministerium in dem es heißt, dass an Pfingsten 1878 in Straßburg eine Versammlung von Vorstandsmitgliedern der sozialdemokratischen Vereine Baden, Straßburg, Offenburg, Lahr und Freiburg unter dem Vorschein eines Pfingstausflugs hätte stattfinden sollen, aber schließlich doch unterblieben sei.
Über den Forschungsstand lässt sich generell sagen, dass die historische Entwicklung der Sozialdemokratie in der Ortenau noch wenig bearbeitet ist, aber einen reichen Fundus liefern würde, wenn ein solches Kompendium in Angriff genommen würde. In einigen Gemeinden ist die SPD-Geschichte gut recherchiert, wie z. B. in Gutach, in Haslach und Lahr, in vielen anderen wie in Kehl und Offenburg gibt es leider noch keine zusammenhängende Darstellung.
Unter dem Sozialistengesetz entfaltete der in Rammersweier 1849 geborene Joseph Belli sein unter dem Namen „Rote Feldpost“ berühmt gewordenes Transport- und Verteilungssystem im In- und Ausland für sozialistische Literatur auf. Offenburg war damals – zumindest im Geheimen – die Hochburg der Sozialdemokratie in der Ortenau, denn dort agierte mit Druckerei, Verlag und Redaktion der 1854 in Offenburg geborene Ernst Adolf Geck. Er gab ab 1881 den Volksfreund und ab 1899 die Heimatzeitung D’r alt Offeburger heraus. 1917 trat er der USPD bei. Der spannende Lebenslauf Gecks, der als Redakteur Gefängnis- und hohe Geldstrafen zu erleiden hatte, als erster Sozialdemokrat in das Präsidium der Zweiten Kammer des badischen Landtags gewählt wurde und 18 Jahre im Reichstag saß, gäbe Stoff genug für einen abendfüllenden Vortrag.
Neben Lahr und Offenburg können auch die Städte Haslach und Hornberg auf eine frühe sozialdemokratische Bewegung zurückblicken. In Haslach wurde im Jahre 1890 durch den Buchbinder Wilhelm Engelberg der sozialdemokratische Wahl- und Leseverein Haslach gegründet. Im gleichen Jahr erfolgte die Gründung des Arbeiterwahlvereins Hornberg. 12 Personen traten bei. Im Januar 1891 war Kehl an der Reihe. Den dortigen Lokalverein gründete man als Filiale des Offenburger Arbeitervereins „Vorwärts“. Laut einem Rechenschaftsbericht im Generallandesarchiv in Karlsruhe hatte die SPD im Jahre 1897 in Achern 10, in Kehl 20, in Lahr 60 und in Offenburg 90 Mitglieder. Zu jener Zeit stand Franz Brucker, der Wirt der Restauration „Straßburger“, Großvater des ehemaligen Lahrer Oberbürgermeisters Dr. Philipp Brucker, an der Spitze des Lokalvereins. Viele Ortsvereine entstehen um 1900 und vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Der Ortsverein Wolfach hatte 1909 schon 25 Mitglieder, die SPD Gutach 1914 19 Mitglieder. In Seelbach tauchte in den 1970er-Jahren ein Mitgliederbuch aus dem Jahr 1918 auf, das 18 Namen aufweist. Ein Mitglied war aus der Schweiz, ein anderes aus Württemberg.
Auf eine Besonderheit der Ortenauer Sozialdemokraten im Kaiserreich ist hinzuweisen. Während sich in den Industriegebieten des Reiches ein scharfer Klassenkampf zwischen Proletariat und Kapitalisten entwickelte, entstand im ländlichen Raum, in dem sich die Industrialisierung langsamer vollzog, ein anderer Typus des Sozialdemokraten, der sogenannte „Arbeiter-Bauer“. Darunter ist der Fabrikarbeiter zu verstehen, der ein bescheidenes Haus hatte und nach seiner Arbeit in der Fabrik und in der wenigen freien Zeit, die ihm verblieb, einen kleinen Acker oder einen eigenen Garten bestellte. Diese Möglichkeit der minimalen Eigenversorgung milderte sein proletarisches Kämpfertum. Spöttisch und drastisch geißelte 1897 der „Volksfreund“ die Passivität dieser eher bedächtigen und weniger radikal denkenden Sozialdemokraten mit den Worten, sie seien diejenigen, die bei ihrem Lohn von 10 bis 12 Mark auf ihre „Geiße und Grumbiere“ pochten, stolz darauf, dass sie „änneweg z’fresse hän“. Diese gemischte Tätigkeit verlieh dem Ortenauer SPDler aber eine Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit - ein Charakteristikum, das heute noch vielfach die Mitgliedschaft der SPD-Ortsvereine im Ortenaukreis prägt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich die Sozialdemokratie in der Ortenau trotz ihrer auch hier zunehmenden Bedeutung in einer deutlichen Minderheitenposition. Deswegen darf als Sensation gewertet werden, was bei der Landtagswahl 1909 geschah. Im 24. badischen Landtagswahlkreis Lahr-Stadt siegte der sozialdemokratische Kandidat über die sonst in Lahr traditionell übermächtigen Nationalliberalen. Man hatte die in der Bevölkerung aufgekommene Missstimmung über die vom Reichstag beschlossene Reichsfinanzreform trefflich zu nutzen gewusst. Dieser Kandidat war nun aber kein Lahrer, sondern Georg Monsch, der Wirt des „Rheinischen Hofs“ in Offenburg. Ein Offenburger vertrat also Lahr von 1909 bis 1913 im badischen Landtag. Monsch erhielt 1928 anlässlich seines 40-jährigen Stadtratsjubiläums die Ehrenbürgerwürde der Stadt Offenburg.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der aufkeimende Nationalismus im Kaiserreich auch große Teile der SPD-Anhänger erfasst. Die SPD-Reichstagsfraktion stimmte 1914 geschlossen für die Bewilligung der Kriegskredite – und dies vor dem Hintergrund jahrelanger internationaler Bemühungen um den Erhalt des Friedens. Man hatte sich bei diesem Zugeständnis auf Entgegenkommen z. B. beim Wahlrecht und beim parlamentarischem Regierungssystem erhofft. Der Kriegstod des berühmten SPD-Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank aus Nonnenweier im Jahre 1914 steht symbolisch für die Ambivalenz und Zerrissenheit im damaligen Denken der Sozialdemokraten. Er, der wie der französische Sozialist Jean Jaurès für den Frieden gekämpft hatte, zog für das deutsche Vaterland in den Krieg. Als Schüler des Lahrer Gymnasiums hielt er am 20. Juli 1893 die Abiturientenrede, die einen Skandal verursachte. Seine Schlussworte waren: Nach Jahren, wenn die Schule des Lebens hinter uns liegt, wollen wir einer den anderen fragen: Hast Du im Geiste Lessings gelebt und gewirkt? Hast Du den Unterdrückten und Notleidenden die helfende Hand gereicht? Und doppelt wird dann jenes Wort gelten: Selig der Mann, der d i e Prüfung bestanden!
Die Wende hin zur Vaterlandsverteidigung führte zur Spaltung der Partei, eine Entwicklung die die SPD schwächte und ihren Beitrag zu einer verantwortungsvollen Ausübung der Staatsmacht in der Weimarer Republik erschwerte.
Frida UNGER, die schon 1918 die entstehenden Soldaten- und Arbeiterräte zu radikalisieren versucht hatte, ist das herausragende Lahrer USPD-Mitglied jener Zeit. Die radikale Sozialistin und entschiedene Kriegsgegnerin saß von 1921-1925 im badischen Landtag zunächst für die USPD und ab 1922 für die KPD.
Meine Damen und Herren,
Die SPD stand als einzige Partei voll und ganz zur Weimarer Republik und deren Verfassung. Doch gelang es ihr nicht, die Gegnerschaft von Rechtsradikalen, Linksradikalen, Monarchisten, Nationalisten, Revanchisten und Reichswehr zu parieren. Wirtschaftliche und politische Zerrüttung führten zur Machtergreifung Hitlers.
Reichspräsident von Hindenburg ernennt am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler und löst den Reichstag auf. Zum Zeitpunkt der Neuwahlen vom 5. März 1933 befinden sich schon zahlreiche Sozialdemokraten in „Schutzhaft“, darunter alle badischen Landtags- und Reichstagsabgeordneten.
Am 23. März 1933 beschließt der Reichstag in Berlin Hitlers Ermächtigungsgesetz. Nur die SPD-Fraktion mit ihren 94 noch nicht verhafteten Mitgliedern votiert geschlossen mit Nein. Nach einem furchtbaren Spießrutenlaufen vom brandgeschädigten Reichstag durch die Reihen der NS-Schergen hin zur Kroll-Oper hält der Fraktionsvorsitzende Otto WELS seine berühmte Rede mit den unvergesslichen Worten „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!“ Die so oft als Vaterlandsverräter geschmähten Sozialdemokraten waren an diesem historischen Tag die einzigen, die bereit waren, die erste bürgerliche Demokratie in Deutschland zu verteidigen und dafür ihre Freiheit und ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Auch die Sozialdemokraten in der Ortenau litten unter dem Nazi-Regime. An sie zu erinnern ist mir heute eine Verpflichtung: Stellvertretend verweise ich auf den Leidensweg des Lahrer Buchdruckers Hans DÜRR, der ab 1929 Abgeordneter des badischen Landtags war. Schon ab dem 17. März 1933 musste Dürr einige Tage im Lahrer Gefängnis verbringen und wurde dann am 2. Mai in „Schutzhaft“ genommen und damit politisch ausgeschaltet. Die NSDAP-Kreisleitung beschlagnahmte seine Bücher und Akten und die Gewerkschaftskasse. 1935 steckte man ihn wegen Verbreitung illegaler Schriften erneut ins Gefängnis. 1944 kam er, 64 Jahre alt, für drei Monate in das KZ Dachau. Dürr hat nach dem zweiten Weltkrieg die Lahrer SPD neu aufgebaut und starb im Jahre 1952.
Nach ihrem Leidensweg im Nationalsozialismus glaubten die Sozialdemokraten einen moralischen Anspruch auf eine politische Führungsrolle beim Neubeginn geltend machen zu können. Groß war die Enttäuschung, als dies nicht eintraf. Die SPD Kurt SCHUMACHERs wollte, anders als ADENAUER, von einseitiger Westintegration und Wiederbewaffnung nichts wissen und setzte das Ziel der Überwindung der Teilung an die vorderste Stelle, konnte für diese Ziele aber keine Mehrheiten gewinnen.
Willy BRANDT ist die große Erscheinung in der SPD seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Seine zusammen mit Egon Bahr entwickelte Entspannungspolitik bereitete die Wiedervereinigung vor. Unvergessen bleibt Brandts Kniefall am 7. Dezember 1970 am Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau. Brandts mutiger Vorstoß zur europäischen Versöhnung ist zu Recht mit der Verleihung des Friedensnobelpreises geehrt worden. Brandts große Popularität hat bei den Bundestagswahlen am 19. November 1972 mit einem Stimmenergebnis für die SPD von 45,8 Prozent zum bisher größten Erfolg geführt.
In Baden-Württemberg war die SPD nach dem zweiten Weltkrieg zwar mehrfach in Koalitionsregierungen eingebunden, sie hat aber bis heute noch nie den Ministerpräsidenten gestellt. Die Leistung des Innenministers und Stellvertretenden Ministerpräsident Walter KRAUSE ragt heraus. Er gibt Baden-Württemberg in den Jahren 1971 bis 1975 ein neues Gesicht. Seitdem hat der Südweststaat neun Stadt- und 35 Landkreise, vier Regierungsbezirke und nur noch 1110 statt vorher 3379 selbständige Gemeinden. Viele Ortsvereine nahmen die neue Zusammensetzung der Gemeinde zum Anlass, sich umzuorganisieren. So bildete sich beispielsweise 1974 nach dem Zusammenschluss von 9 Gemeinden zur Stadt Rheinau der SPD-Ortsverein Rheinau, nachdem es zuvor ab 1918 in Freistett, Rheinbischofsheim, Helmlingen und Linx Ortsvereine gegeben hatte. Ein weiteres Beispiel sei genannt. In der aus den ehemaligen selbstständigen Gemeinden Diersburg, Hofweier und Niederschopfheim gebildeten Gemeinde Hohberg konstituierte sich 1973 der neue örtliche SPD-Ortsverein. In Lahr wurden die SPD-Ortsvereine der eingegliederten Gemeinden integriert und bestanden als Stadtteilgruppen weiter.
Die SPD der Ortenau hat sich seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland immer wieder mit herausragenden Persönlichkeiten, darunter viele Oberbürgermeister und Bürgermeister, präsentiert. Einige wenige will ich herausgreifen und bitte um Verständnis für die aus Zeitgründen notwendige Unvollständigkeit. Große Verdienste um den Neuaufbau der SPD nach dem zweiten Weltkrieg hat sich der Freistetter Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Friedrich Stephan erworben. Martha Schanzenbach, die Bundestagsabgeordnete und Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt Gengenbach, war als erste Frau Mitglied im Bundesvorstand und Präsidium der SPD. Ihr großartiger Einsatz für die Arbeiterwohlfahrt als Vorsitzende der AWO Südbaden und als Stellvertretende Bundesvorsitzende ist unvergessen. Und der kürzlich verstorbene ehemalige Umweltminister und Bundestagsabgeordnete Harald B. Schäfer hat die SPD Ortenau wesentlich geprägt. Er hat die Reformideen der 70er-Jahre implantiert und wie Erhard Eppler erheblichen Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Landes-SPD ausgeübt.
Meine Damen und Herren,
All denen, die in der Ortenau in den vergangenen 150 Jahren der für die SPD gekämpft und auch gelitten haben gilt heute unser herzliches Dankeschön. Die SPD darf zu Recht stolz sein auf ihre lange Tradition. Die heute eröffnete Ausstellung informiert über unseren 150-jährigen erfolgreichen, aber teilweise auch leidvollen Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Was wir hier sehen, sollte uns mutig machen, und Zukunftszuversicht sich einstellen. Politik zu machen ist nicht leicht und mit Risiken behaftet, aber eine bessere Welt kommt nicht von allein. Die gesellschaftliche Emanzipation innerhalb und außerhalb Deutschlands auf der Grundlage der keineswegs überholten Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität voranzubringen, das ist unsere Aufgabe. Kämpfen wir für ein besseres Deutschland und ein besseres Europa.

• Korker Straßenschilder bekommen Hintergrundinfos

Kork

»Es kommen sehr viele Touristen nach Kork«, sagt Ortsvorsteher Patric Jockers, »wir zählen durchschnittlich         50 000 Übernachtungen pro Jahr«.

Viele der Gäste würden in der Ortsverwaltung nachfragen, welche Geschichte hinter bestimmten Straßennamen steckt. »Und auch für viele Korker selbst sind diese Informationen interessant«, ist Patric Jockers überzeugt. Denn da Kork schon sehr alt ist – das Dorf wurde erstmals urkundlich im Jahr 778 erwähnt –, hätten viele Straßennamen einen historischen Bezug, der heute kaum noch bekannt sei. Deshalb beschloss der Korker Ortschaftsrat, dass 30 Straßenschilder durch Erläuterungen ergänzt werden sollen. Die Texte stammen aus dem Buch »Straßennamen der Großen Kreisstadt Kehl und ihre Bedeutung«, das der Historische Verein 2010 herausgegeben hat. Die Informationen über die Korker Straßennamen, die darin publiziert sind, wurden von Hans Herrmann und Helmut Schneider recherchiert.
So ist auf den neuen Schildern, die jeweils direkt unterhalb der Straßenschilder montiert wurden, beispielsweise nachzulesen, dass die Herrenstraße nach den Beamten des Bezirksamtes benannt ist, die im 18. Jahrhundert ihren Dienst in den Amtsgebäuden des Verwaltungssitzes Kork taten; denn die Bauern bezeichneten damals alle Verwaltungsmitarbeiter als »die Herren«. Der Straßenname Auf dem Bühl leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort »bühel« (Buckel) ab und bezeichnet die höchste Stelle bei der Korker Dorfkirche. Schon in fränkischer Zeit fanden auf dem Platz dreimal jährlich Strafgerichtssitzungen statt, das letzte Todesurteil eines Strafgerichts wurde dort 1802 verhängt. Die kleine Straße Im Gässel, die von der Oberdorfstraße abgeht, wurde früher im Volksmund Amaliengässel genannt, heißt es laut Pressemitteilung der Stadtverwaltung auf dem entsprechenden Schild. Denn dort wohnte Amalie Moschberger, die im späten 19. Jahrhundert die Schweinehirtin des Dorfes war. Anselm Pflüger, so erfährt nun jeder, der das neue Schild in der nach ihm benannten Straße liest, war Straßburger Reformator und Schüler Luthers, der 1545 die Reformation in Kork und Sand einführte.

25.03.2018

https://www.bo.de/lokales/kehl/korker-strassenschilder-bekommen-hintergrundinfos

• 1968 PARTEIEN / SPD - Gesang der Rotkehlchen

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46039772.html

Sozialdemokraten aus Baden und aus Württemberg sahen rot -- vor Wut. Einer der Genossen schrie: "Für diese Partei kandidiere ich nie wieder." Ein anderer: "Dieser Partei ist nicht mehr zu helfen." Ein dritter spottete: "Die Hottentotten haben es denen in Bonn gezeigt."

Das war die Stimmung im Saal, nachdem sich die SPD Baden-Württembergs am vorletzten Wochenende auf der Konferenz ihrer Landesdelegierten in der Oberrhein-Stadt Kehl aus der Stuttgarter Großen Koalition mit der CDU zurück in die Opposition katapultiert hatte: eine in sich zerstrittene und verbitterte Partei.
Am 28. April, bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, hatten abtrünnige Wähler die SPD -- seit 1966 mit vier Ministern in einer Großen Koalition mit der Stuttgarter CDU -- von 47 auf 37 Parlamentsabgeordnete schrumpfen lassen.
Am 18. Mai, bei der Kehler Delegiertentagung, votierten 180 rote Schwaben und Badener gegen eine Erneuerung der schwarz-roten Ehe und revoltierten mit 14 Stimmen Mehrheit gleichsam gegen ihre Parteioberen.
Denn anders als das Stuttgarter SPD-Establishment hatten viele SPD-Ortsvereine schon unmittelbar nach dem Wahldebakel vom April den Schluß gezogen: "Ein heller Wahnsinn, die Koalition fortzusetzen" -- so der Ortsverband Tübingen, wo die SPD-Stimmen von 40,8 auf 30,4 Prozent zurückgegangen waren.
Da andernfalls "noch schlimmere Auswirkungen und Rückschläge für die SPD zu befürchten sind", wollten auch die Sozis in Waiblingen, um zehn Prozent Wählerstimmen leichter geworden, das Bündnis mit der CDU beendet wissen.
In Göppingen, wo die Partei von 45,5 auf 36,5 Prozent absackte, deuteten Genossen das Resultat des 28. April eigenwillig so: "Der Wähler will schon, daß die SPD regiert, aber nicht mit der CDU."
Auch in Stuttgart und in Esslingen, in Konstanz und in Tuttlingen, in Lahr und in Pforzheim, in Mannheim/Land und in Ulm plädierte das Fußvolk der Brandt-Wehner-Partei für Ehescheidung von der Kiesinger-Partei an Neckar und Bodensee.
Doch die SPD-Landesführung hielt die Brandbriefe des Parteivolkes aus Stadt und Land -- laut Heidelbergs "Rhein-Neckar-Zeitung" hagelte es auch "Hunderte von Telegrammen und Austrittsdrohungen" -- unter Verschluß. Parteichef Walter Krause, Innenminister der CDU/SPD-Regierung, sprach bereits mit der CDU über die Fortsetzung der Koalition und handelte die Ministersitze -- wiederum vier trotz Wahlschlappe -- aus.
Als dennoch offenkundig wurde, daß die Stimmung in der Partei in eine Rebellion umzuschlagen drohte, berief Krause -- acht Tage früher als ursprünglich geplant -- eine außerordentliche Landesdelegiertenkonferenz nach Kehl ein, um den aufmüpfigen Unterbau umzustimmen und wieder auf Koalitionskurs zu trimmen.
Krause rechnete der Kehler Runde am vorletzten Wochenende vor, daß es der Partei mehr bringe, Baden-Württembergs Geschick während der kommenden vier Jahre mit vier Ministern (Inneres, Justiz, Wirtschaft, Arbeit) statt nur aus der Opposition heraus zu beeinflussen. Mit 35 gegen sechs Stimmen, so erfuhren die Delegierten, hätten sich am Abend zuvor auch Landesvorstand und Landtagsfraktion bei einer gemeinsamen Abstimmung zum weiteren Mitregieren bekannt.
Doch kaum hatte Krause geendet, preschte auch schon der Stuttgarter Delegierte und Jungakademiker Peter Conradi mit dem Antrag zur Geschäftsordnung vor, nach dem Koalitions-Freund solle auch ein Koalitions-Gegner zu einem kurzen Grundsatzreferat das Wort bekommen.
Der südwestdeutsche DGB-Vorsitzende und SPD-Landesvize Eugen Loderer fühlte sich angesprochen und fand zweierlei: Nur eine starke sozialdemokratische Opposition könne den Rechtsradikalismus eindämmen; und nur in der Opposition könne die SPD eine klare Alternativ-Politik gegenüber der CDU entwickeln.
Nach Loderer eilte vorwiegend eine redegewandte Riege studierter Genossen zu den Mikrophonen -- allesamt Gegner des Bündnisses mit den Schwarzen.
Die Sprecher der jungen Garde in Kehl -- von Parteiveteranen "Rotkehlchen" genannt -- piepsten über die Entfremdung zwischen SPD und Arbeiterschaft, zwitscherten über die Dissonanz zwischen SPD und Intelligenz und wetzten ihre Schnäbel am Balken zwischen SPD und Jugend. Und Oppositions-Rufer Gessler, Pressereferent im Stuttgarter Justizministerium, beschwor die Gefahr herauf, "daß wir als politische Mitfahrerpartei der CDU auch zum moralischen Mitfahrer des deutschen Konservativismus werden".
Auch die Professoren Horst Ehmke und Friedrich Schäfer, wiewohl Staatssekretäre einer Großen Koalition in Bonn, sagten nein zur Großen Koalition in Stuttgart -- der eine kräftiger, der andere etwas verhalten. Ehmke, schon am Tag nach der Landtagswahl in einer Landesvorstandssitzung kompromißlos gegen die Aufrechterhaltung der baden-württembergischen Allianz: "Wir müssen hier "raus, um ein Modell zu schaffen für Bonn." Schäfer, nicht in gleichem Maße für die Ehmke-Strategie des "begrenzten Konflikts" zwischen den Bonner Partnern, hielt es gleichfalls für ratsam, in Stuttgart ein auch für Bonn mögliches Exempel zu statuieren, also die Koalition aufzukündigen.
Doch verbissen kämpften die Männer um Krause gegen die parteiinterne Opposition in Kehl an: Bonns Fraktions-Vize Alex Möller schien im Streit für das schwarz-rote Kartell für einen kurzen Moment sogar einem Herzinfarkt nahe.
Nach dem ungefähr sechzigsten Redner -- ein Drittel davon hatte für, zwei Drittel hatten gegen eine neuerliche Stuttgarter Große Koalition gesprochen -- fanden sogar die diskussionswütigsten Genossen, nun sei wohl alles gesagt und kein neues Argument mehr zu erwarten.
Zur Abstimmung standen zwei Anträge: ein krasses Nein an die CDU und eine Kompromißformel, die sich Freiburger Sozialdemokraten ausgedacht hatten. Danach sollte "die unverzügliche Einführung eines mehrheitsbildenden Wahlrechts nach dem Modell eines Dreier-Wahlkreises ... zum verpflichtenden Bestandteil der Koalitionsvereinbarungen gemacht" werden, wodurch die Stuttgarter Große Koalition effektiv bis 1972 befristet und danach die Landesparteien vom Zwang zum Koalieren befreit würden.
Mit dieser Freiburger Formel schien die Einheit der Partei gekittet und zugleich ihr Part im baden-württembergischen Staatsorchester gewährleistet.
Um so wuchtiger fuhr dann das von den Parteioberen nicht mehr befürchtete, von den Frondeuren nicht mehr erhoffte Resultat der -- geheimen -- Abstimmung wie ein Blitz in das plötzlich wieder gewitterschwüle SPD-Treffen. Beschluß mit 14 Stimmen Mehrheit: "Unter Respektierung des Wählerwillens bei der Landtagswahl" sei "die Koalition mit der CDU nicht zu erneuern"
Vor dem eilends zusammentretenden Landesvorstand machte Koalitionsfreund Krause unverzüglich wahr, was er für den Fall einer Abstimmungsniederlage angedroht hatte: den Rücktritt als Partei-Erster im Lande. Auch Vize Walter Hirrlinger, schon als Arbeitsminister vorgesehen, verließ den Vorstandsstuhl.
Drei Tage nach Kehl, am vergangenen Dienstag, begann sich die badenwürttembergische SPD-Fraktion vom Schock des Delegierten-Votums langsam zu erholen. Schwäbische Tüftler und badische Pragmatiker erinnerten sich des Artikels 27 der Landesverfassung, dem zufolge Abgeordnete "nicht an Aufträge und Weisungen gebunden", mithin auch nicht auf das Kehler Koalitions-Nein festgelegt seien.
Als sich im Laufe der Woche abzeichnete, daß es zwischen CDU und FDP nicht zu einer Kleinen Koalition kommen werde, keimte Hoffnung unter den Anhängern der Großen Koalition, und es summte wieder in den Drähten zwischen CDU und SPD in Stuttgart. SPD-Fraktionspressechef Erhard Röder: "Jetzt ist Hochsaison für die Kanalarbeiter der beiden Parteien." 


DER SPIEGEL 22/1968
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